Ein Interview mit einer unehrenhaften Frau

Ich habe ja versprochen, dass es auch etwas um Sex gehen wird in diesem Blog. Natürlich versuche ich das alles jugendfrei zu halten. Aber seit einiger Zeit habe ich eine sehr interessante Gesprächspartnerin für diesen Bereich, die einer noch spannenderen Nebentätigkeit nachgeht: Sie verkauft ihren Körper.

Ich finde, was sie zu sagen hat, ungemein interessant. Deswegen habe ich mehrere Interviews mit ihr geführt. Und nicht nur mit ihr. Diese Interviews würde ich gerne nach und nach hier veröffentlichen.

Ich habe sie zu ihrem Schutz Tamara genannt.

Interview

Fangen wir mal so an: Wie bist du zu deinem Nebenjob gekommen?

Nun ja, irgendwann hat der Finanzschuh sehr gedrückt. Wie du weißt, studiere ich ja. Ich wollte niemanden um eine Finanzspritze bitten. Und mehr arbeiten geht nicht, da ich dann kein BaföG mehr bekomme.

Eines abends war ich dann sehr betrunken und kam auf die Idee mich im Internet mal etwas umzusehen.

Und du bist direkt fündig geworden?

Nicht sofort. Es gibt viele Websites, auf denen Sexpartner gesucht werden. Aber üblicherweise läuft das auf einer nicht-finanziellen Ebene. Sex ist zwar ganz okay. Aber das war ja nicht das Ziel meiner Suche. Irgendwann habe ich gemerkt nach welchen Schlagwörtern man suchen muss.

Und die wären?

Ach das kommt darauf an. „TG“ ist ein guter Anfangspunkt. Es bedeutet Taschengeld. So wird der Lohn genannt. Es wird dort auch nicht von Prostituierten gesprochen, so vom Duktus her. Denn das ist genau das was diese Männer nicht wollen. Irgendwelche Profesionellen, die das ganze so „abarbeiten“. Die wollen echte Frauen, ohne dass es billig ist.

Hast du auch mal an ein „Etablissement“ gedacht?

Nein.

Warum nicht?

Zum einen glaube ich nicht, dass man dort wirklich genug Geld verdienen kann, da man zu Dumpinglöhnen arbeitet und einen großen Teil scheinbar an Zuhälter abgeben muss. Und zum anderen, so paradox das jetzt klingen mag, bin ich keine Prostituierte.

Technisch gesehen bist du das schon.

(lacht) Ja, nicht wahr? Ich bekomme Geld für Sex. Es erfüllt die Definition. Aber irgendwie habe ich nicht das Gefühl eine zu sein. Ich kann es aber nicht erklären.

Vielleicht liegt es daran, dass ich es nicht zum Überleben bräuchte. Vielleicht liegt es daran, dass es mir bis jetzt auch Spaß gemacht hat, und ich neue Dinge erleben und erfahren durfte. Aber vielleicht erzähle ich mir das auch einfach nur selbst um mich zu beruhigen oder keinen Schaden davonzutragen. Man muss sich ja deswegen eigentlich schäbig fühlen. (lacht)

Ja, dazu kommen wir nachher noch. Darf ich zunächst einmal fragen wieviel du so verlangst?

Ja klar. Es läuft natürlich alles auf Verhandlungsbasis. Aber ich habe schon ziemlich feste Preise. Es kostet ca. 250 Euro pro Abend. Vorher muss mich der Mann zum Essen einladen. Und das Hotel bezahlt er auch. Danach kommt der Sex. 1-1,5 Stunden im Schnitt. Wobei es auch nicht immer Sex sein muss.

Ja, das wäre meine nächste Frage. Was machst du alles? Was erwarten Kunden?Gibt es außergewöhnliche Wünsche?

Das ist die erste interessante Frage. (lacht)

Danke. (lache)

Also das ist spannend. Ehrlich gesagt das Spannendste an der ganzen Sache. Ich will hier nichts beschönigen. Was ich mache ist eigentlich gefährlich. Das war zunächst nicht meine Sorge – wurde es aber zunehmend. Schließlich möchte ich keinen zu mir nach Hause einladen. Ich gehe mit den Männern ins Hotel oder zu ihnen nach Hause. Und natürlich kann ein Vergewaltiger dabei sein. Daran denke ich auch immer häufiger. Gleichzeitig habe ich aber gemerkt, wie versaut unsere Gesellschaft beim Thema Sex ist.

Und ich meine hier nicht das „gute“ versaut.

Inwiefern?

Wir glauben, dass wir in einer sexuell sehr offenen Gesellschaft leben. Und gewissermaßen tun wir das auch. Es gibt viel Sex um uns herum. Aber es gibt kaum Sexualität. Wir beide (Tamara und ich; Anm. d. Red.) wissen das.

Hey, stell mich mal nicht in so einem Licht dar. das soll in das Blog. (lache)

Nein, du weißt was ich meine. Durch Yoga eben. Und durch Tantra. Wir wissen, dass es da noch andere Dinge gibt. Hinter diesem Sex.

Nun, um wieder darauf zurückzukommen, diese sexualisierte Gesellschaft ohne Sexualität lässt aber viele zurück.

Wie meinst du das?

Viele wissen nicht wohin mit ihrer Sexualität. Wir haben doch beide zusammen diese TED-Talks geschaut. Du hast mich ja erst dazu gebracht. Ich kannte die ja vorher nicht. (Die angesprochenen TED-Talks sind am Ende des Interviews z finden)  Und da steckt einiges Wahres drin. Wie Ran Gavrieli das beschrieben hat. Pornos verseuchen unseren Kopf. Sie sagen uns, was wir erotisch finden sollen. Und wie du das mal beschrieben hast. In unseren Köpfen haben wir innere Bilderbücher wie Sex auszusehen hat. Wir stellen uns bei Sex die Reiterstellung, die Missionarsstellung, Doggystyle usw. vor. Wir stellen uns immer denselben Oralsex und Analsex vor. Aber was ist wenn das gar nicht so aussehen muss? Sondern auch ganz anders aussehen kann? Ich habe mich gefühlt wie das Quadrat im Flächenland.

Hey, das hast du auch von mir. (lache) Aber das beantwortet ja nicht die Frage nach den Kundenwünschen.

Ich komme ja schon dazu. Also jedenfalls geht das ganz vielen Menschen so, wie ich inzwischen weiß. Und das weiß ich, weil diese Menschen oft mit diesen Wünschen zu mir kommen.

Viele sind in einer Beziehung. Früher habe ich das verurteilt. Ich fand es unfair der Frau gegenüber. Aber die Männer die meine Kunden sind haben oft, und das ist jetzt keine Verharmlosung – vollkommen banale Wünsche. Nicht alle. Aber für viele ist es etwas ganz Banales was sie erregt. Aber sie trauen sich nicht das ihrer Frau zu erzählen. Obwohl sie ihrer Frau vertrauen und schon lange mit ihr zusammen sind. Oder sie haben sich zwar getraut, wurden damit aber abgewiesen – was schlimm ist. Oder sie haben sich getraut, die Frau hat es sogar probiert- es aber nicht so hinbekommen. Vielleicht hat sie gelacht weil es ihr so komisch vorkam oder aus Scheu.

Kannst du Beispiele machen?

Ich möchte meine Kunden natürlich schützen. Aber um einmal die Banalität der Wünsche zu beweisen. Manche möchten einfach nicht, dass ich nach dem Joggen dusche, sondern direkt zu ihnen komme. Das war so ein Wunsch, den die Ehefrau des Betreffenden einfach nicht bereit war zu erfüllen. Sie fand das krank. Krank! Das muss man sich mal vorstellen.

Ein anderer mochte gern meine Achsel lecken. Wieder ein anderer möchte, dass ich sehr energisch zu ihm bin.

Also SM-Wünsche erfüllst du auch? Also so dominamäßig?

Nein, dann hätte ich Domina gesagt. Einfach nur, dass ich mitmache beim Sex und nicht reglos daliege und erwarte das der Mann alles macht. Ich brauche mich dafür gar nicht anstrengen. Das passiert beimir wie von allein.

Manche massieren gern Frauen. Es erregt sie. Dazu sage ich natürlich auch nicht nein. Das meine ich mit Sexualität. Das erregt diese Männer. Aber viele hatten eine schwere Zeit sich überhaupt einzugestehen, dass sie diese Dinge mögen. Und sie halten das nicht für normale Präferenzen sondern für ganz perverses Zeug. Ist das nicht merkwürdig?

Ein Stück weit denkt wohl jeder von sich, dass er Wünsche hat die abseits der Norm liegen. Und vielleicht stimmt das auch einfach für jeden Menschen.

Ja klar. Ganz bestimmt sogar. aber du musst ja daran denken, wie lange diese Menschen diese einfachen Wünsche unterdrücken. Weil uns unter Anderem die Pornosindustrie vormacht, wie „normaler“ Sex zu sein hat. Aber das sind Schauspieler, die uns etwas vorführen. So wenig wie ein Hollywood-Blockbuster die Realität wiedergibt, so wenig tun es Pornos. Wir alle wissen das, auf einer rationalen Ebene. Aber irgendwie setzt es sich doch in unseren Köpfen fest. Wie bei Ran Gavrieli und dieser Castingshow.

Erzähl das einmal kurz für den Leser.

Ich habe mit D. (der Bloggerin) einen TED-Talk geschaut, den sie mir empfohlen hat. Er heißt „Why I stopped watching porn“ und war von Ran Gavrieli. Er hält nicht viel von der Pornoindustrie und wollte verdeutlichen wie uns diese Bilder doch beeinflussen.

In der Geschichte kommt er zu seiner Partnerin oder dem Partner – er hält sich ja vage –  nach Hause und sie schaut eine Castingshow für Sänger. Richtigen Trash. Und er geht duschen und überlegt sich in der Dusche welchen Song er wohl singen würde. Es sollte etwas Bedeutungsvolles sein usw. Bis ihm einfiel: „Hey, ich bin ja gar kein Sänger. Und ich will auch gar keiner sein. Was mache ich hier denn überhaupt?“ Und genauso beeinflusst uns die Pornokultur. Er hat nur einen kurzen Ausschnitt dieser Castingshow gesehen, aber es hat sich in seinen Kopf gesetzt.

Wenn ich gewusst hätte, dass ich dich mit meiner TED-Talk-Obsession anstecke...(lache)

Naja du hast da ganz gute Talks rausgesucht, die sich halt mit dem Thema Sexualität beschäftigt haben. Jedenfalls beeinflusst uns das. Mir ist es dann auch bei mir selbst aufgefallen. Weibliche Onanie wird in Pornos immer auf diesselbe Art dargestellt. Die Frau liegt auf dem Rücken und macht es sich selbst.

Ich mache das aber nicht so. Ich liege auf dem Bauch. Und ich habe mich erinnert, dass mein Exfreund mir einmal dabei zusehen wollte. Ich habe das abgelehnt, weil ich dachte, dass er das sicher komisch findet. Ich dachte, meine Selbstbefriedigung sieht komisch aus. Siehst du. Ich war in derselben Falle.

Ich hatte aber auch nicht das Gefühl sicher zu sein. Und das einfach machen zu können. Ich hatte das Gefühl, dass eine Beurteilung auf mich wartet. Jugendliche Dummheit und gesellschaftlicher Druck eben.

Hast du das nachgeholt irgendwann?

Ehrlich gesagt, bis heute nicht. Aber das liegt eher daran, dass ich im Moemnt keinen festen Freund habe.

Apropos: Würdest du das weiter machen wenn du in einer festen Beziehung wärst?

Nein. Ich bin treu wie Gold. Offene Beziehungen sind für mich auch okay. Aber ich kann treu sein. Ich hatte bis jetzt immer Partner die Monogamie von mir erwartet haben.

Wirst du diesem zukünftigen Partner dann erzählen, dass du das einmal gemacht hast?

Das ist eine interessante Frage. Ich würde es tun. ABER was ist wenn mein Partner da eher spießig denkt? Wie gesagt, eine sexualisierte Welt ohne Sexualität. Geld für Sex zu nehmen ist immer noch ein Tabuthema. Ein Freund, der davon weiß, sagte mir neulich ich solle es unbedingt geheim halten sonst würde er in mir immer die Nutte sehen. Stell dir das mal vor.

Ist das ein „Nein“?

Ich hoffe doch, dass man in mir auch andere Dinge sehen kann. Aber in diesem Gewerbe zu arbeiten ist verpönt. Sogar sehr. Man ist fast schon kein Mensch mehr. Ein Freier zu sein ist auch verpönt. Es liegt in der Sicht Vieler eine gewisse Schande darin, dafür bezahlen zu müssen diese „vollkommen normale Sache zu bekommen“. Oder die Leute glauben dann, dass die Wünsche desjenigen sehr speziell sind – keine Ahnung. Aber der Todesstoß ist, der Vertragspartner dieser Freier zu werden.

Ich möchte hier nochmal auf Ran Gavrieli zurückkommen, der sagte, dass Prostitution, bis heute, der soziale Tod ist. Mit einer Prostituierten am Tisch zu sitzen würden die Meisten schon nicht wollen.

Dabei ist es eigentlich nichts schlimmes. Es ist Sex. Nein, es ist Sexualität.

Vielen Danke

Ich danke dir. Hey, das war richtig gut. Das können wir nochmal machen.

(Wir lachen)

 

Ich hoffe, ihr fandet es so interessant wie ich.

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