Heinz Kahlau

Einfalt

Mein Leib wird diese Erde nie verlassen.
Mein Fuß wird nie auf andren Sternen gehen.
Die Hand wird nie den Staub des Alls befühlen.
Das Auge wird nur einen Himmel sehn.

Mond bleibt für mich die fleckig gelbe Scheibe,
die nachts im wolkenlosen Dunkel steht –
die stehen bleibt, wenn ich den Schritt verhalte,
und wenn ich gehe, mit mir weitergeht.

Für mich sind Sterne helle ferne Punkte
Hoch über mir in jeder klaren Nacht.
Die Sonne bleibt für mich das warme Wunder,
durch das die Erde jeden Tag erwacht.

Auch Frühling, Sommer, Herbst und Winter bleiben,
Mit Regen, Schnee, mit Sonnenschein und Wind,
die Kräfte, die mein Leben möglich machen,
bis meine Stunden abgelaufen sind.

Stoßseufzer

Ihr habt es doch besser gewusst.
Warum habt ihr uns
Soviel von dem hinterlassen,
das eure Arbeit war?
Unser Leben
Wird nicht länger
Als das eure sein.
Unsere Zweifel
Sind kaum kleiner
Als die euren,
unser Weg
wird nicht grader sein.
Doch unsere Pflichten
Sind reichlicher bemessen:
Eure Bürde
Mit dem Geruch von gestern
Kommt noch hinzu.
Warum, Väter,
habt ihr so endlos gestritten
und so wenig getan?

Kein Gott

1
Ich lebe jetzt. Mein Tod ist zu erwarten.
Danach vergehe ich so schnell wie Gras.
Von mir bleibt nur, was andere verwenden
Zu ihrem Nutzen und zu ihrem Spaß.

Gedanken, Verse, ein paar Gegenstände,
durch mich entstanden, bleiben in der Welt.
Für eine Weile kann man sie noch brauchen,
bis das, was keinem nützlich ist, zerfällt.

2
Ich habe keinen Gott. Für alle Taten,
die ich begehe, muss ich Täter sein.
Kein Weltenrichter wartet, mich zu strafen –
Für jeden Irrtum steh ich selber ein.

Ich habe keinen Vater, der mich tröstet.
Es gibt kein Wort, dass unumstößlich ist.
Mich stützt kein Glaubt. Keine weise Fügung
Besitzt ein Maß, dass meinen Nutzen misst.

Ich denke selbst. Ich habe keine Rettung
Vor meinen Zweifeln, wenn die Furcht mich schreckt.
Ich hab die Grenzen meiner Höhn und Tiefen
In meinen eigenen Träumen abgesteckt.

3
Ich hänge ab von der Natur von Menschen,
von allen Kräften für und gegen mich.
Die Welt, in der ich bin, ist gut und böse,
doch weiß ich – alles um mich ändert sich.

Nichts bleibt sich gleich. Wer wagt, sich einzurichten,
der richtet sich für Augenblicke ein.
In einer Welt, bestehend aus Bewegung,
da kann ich selber nur Bewegung sein.

4
Ich fürchte Menschen. Was sind Eis, was Fluten,
was Pest und Feuer gegen die Gewalt
des Untiers Mensch? Die Schreie seiner Opfer
sind, seit es Menschen gibt, noch nie verhallt.

Ich liebe Menschen mehr als alle Tiere.
Sie suchen unaufhörlich einen Sinn
Für ihr Vorhandensein, verstrickt in Irrtum.
Es macht mich froh, dass ich beteiligt bin.

5
Ich bin allein. Für kurze Augenblicke
Bin ich Geliebter, Bruder oder Freund.
Um eine Arbeit, eine Lust zu machen,
wenn sich ein Weg mit meinem vereint.

Auf dieser Erde leben Ungezählte,
aus denen gleiche Furcht und Hoffnung spricht.
Ich weiß um sie. In glücklichen Sekunden
Seh ich mitunter einem ins Gesicht.

6
Da ist kein Mensch und keine Macht vorhanden,
nichts, das mich ganz für sich gewinnen kann.
Ich füge mich der Stärke und der Schwäche.
Nur wer mich tötet, hält mein Suchen an.

Ich bin missbrauchbar, ich bin zu gebrauchen,
denn ich muss sein und suche meinen Wert.
Ich will mich nähren, ich muss mich behausen
Und über Preise wurde ich belehrt.

7
Solange ich lebe, arbeite und liebe,
solange sich mein Geist, mein Blut noch regt,
bin ich dem Wesen meiner Zeit verhaftet,
denn mich bewegt, was meine Zeit bewegt.

Ich denke noch, und bin noch zu belehren.
Ich suche zweifelnd weiter nach dem Sinn,
der uns zu Menschen macht, wer will mich hindern,
die Welt zu lieben, bis ich nicht mehr bin.

Wohnungen

Wenig bleibt von einer großen Liebe
In den Zimmern, wo sie wohnhaft war.
Nicht geschieht mit einem Bett, das bliebe.
Nur am Spiegel glänzt ein langes Haar.

Fort sind längst die Bücher, die sie lasen,
weil ein andrer andre Bücher hat.
Andre Blumen stehn in andren Vasen,
und das Tischtuch ist nur weiß und glatt.

Selbst die hellen Flecken an den Wänden
Zeigen nur, dass dort ein Bildnis hing.
Fort ist jede Spur von ihren Händen,
weil ein Staubtuch über alles ging.

Nichts ist da, was noch für Dritte bliebe,
was ein fremdes Auge ganz versteht.
Aber alle Zeichen liest die Liebe,
wenn sie weinend durch die Zimmer geht.

Dazwischen

Als ich meine erste
und meine letzte Liebe
beieinander sah,
fragte ich mich verwirrt:
Warum hab ich mich,
auf dem langen Wege
dazwischen,
so oft verirrt?

Bremser

Sehen Sie
diesen Mann da?
Er weiß es besser,
aber
er nickt.

Haus der Kindheit

Wenn ich durch das Haus der Kindheit gehe,
scheint mir alles seltsam klein zu sein.
Sehnsucht bringt mich in des Hauses Nähe,
und ich bücke mich und trete ein.

Ob die Türen damals größer waren?
Werden Namen mit den Schildern blind?
Werden Fenster kleiner mit den Jahren?
Wie die Stufen schmal geworden sind.

Bis zum Himmel reichten diese Zäune.
Endlich kann ich in die Gärten schaun.
Und ich sehe neue frische Bäume – meine Bäume wurden abgehaun.

Warum taste ich mich wie ein Blinder
Durch die Kindheit und durch dieses Haus?
Auf der Treppe spielen wieder Kinder,
und ich gehe schnell und steif hinaus.

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