Zu den Kleinen zähl ich mich

Liebe Kleine nennst du mich.
Willst du immer so mich heißen,
Werd ich stets mich glücklich preisen,
Bleibe gern mein Leben lang
Lang wie breit, und breit wie lang.

Als den Größten kennt man Dich,
Als den Besten ehrt man Dich,
Sieht man Dich, muss man Dich lieben,
Wärst du nur bei uns geblieben,
Ohne dich scheint uns die Zeit
Breit wie lang und lang wie breit.

Ins Gedächtnis prägt ich Dich,
In dem Herzen trag ich Dich,
Nun möcht ich der Gnade Gaben
Auch noch gern im Stammbuch haben,
Wärs auch nur den alten Sang:
Lang wie breit und breit wie lang.

Doch in Demut schweige ich,
Des Gedichts erbarme Dich,
Geh o Herr nicht ins Gerichte
Mit dem ungereimten Wichte,
Find es aus Barmherzigkeit
Breit wie lang und lang wie breit.

Marianne Willemer

Die eine Klage

Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verloren,
Lassen muss was er erkoren,
Das geliebte Herz,

Der versteht in Lust die Tränen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
Daß der Zweiheit Grenzen schwinden
Und des Daseins Pein.

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt‘ ein Wesen liebgewinnen
O! den tröstet’s nicht
Daß für Freuden, die verloren,
Neue werden neu geboren:
Jene sind’s doch nicht.

Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Gibt kein Gott zurück.

Karoline von Günderode

Ohne einander

Wir haben ein Leben
ohne einander gelebt.
Und obwohl mein Herz
dir sehr zugetan war,
hat es nicht gereicht
um zu übersehen,
dass wir nicht zusammengehörten.

Du hast nur die anderen Versprechen gehalten,
aber nicht die an mich.
Und du hast nur anderen zugehört
aber niemals mir.
Und du hast deinen Spaß gehabt,
und ich nicht meinen.

Du hast mir nicht gereicht.

Zuerst veröffentlicht am 16.01.2012 um 11:00

Vorhänge und Rollos

Als sie sich sahen
zum allerersten Mal
schaute keiner hin
und die Fenster waren geschlossen.

Als sie sich küssten
zum allerersten Mal
schauten alle genau hin
und die Fenster waren offen,
die Frauen schauten aus ihren Küchen,
die Männer aus ihren Garagen.
Und die Gardinen wehten
aus den Fenstern heraus.

Als er sie das erste Mal schlug
als er sich das erste Mal betrank
als sie ihn das erste Mal betrog
schaute keiner hin.
Die Fenster waren geschlossen
die Rollos ebenfalls.
Und nur zur Sicherheit
wurden auch die Vorhänge zugezogen.

Zuerst veröffentlicht am 12.11.2011 um 17:21

Die Geschichte aller Geschichten

Die ganzen dramatischen Geschichten,
liegen in meinem Kopf herum,
verstreut und einenader verdeckend.
Und sie kommen nur selten zum Vorschein.

Eigentlich nur wenn sie in meinem Kopf
und bei mir bleiben.
Und obwohl ich es
so sehr möchte,
können sie nicht herauskommen
und die Menschen verzaubern
obwohl sie das gewiss täten.

Zuerst veröffentlicht am 18.10.2011 um 00:59

Gewitter und Nacht

Zusammensitzen
wenn die Welt gelb wird
und du staunst.
Es war weit weniger befriedigend
für mich.

Zusammenzuliegen
wenn die Welt schwarz wird
ist heutzutage
weit weniger befriedigend
für mich

„Geschichte des Antisemitismus“ von Werner Bergmann

Zuerst veröffentlicht am 30.08.2011 um 18:54

Die große Geschichte

Ganz tief in mir schlummert sie,
die unglaubliche Geschichte der alten Tage.
Leider will sie mir nicht einfallen,
aber tief in mir fühle ich sie,
und kann doch noch nicht verstehen
wer daran Anteil hat und was er tut.

Ich weiß doch eigentlich nur
dass es die große Geschichte
des ganzen Lebens ist,
mit vielen Zufällen und trauriger Dramatik
und Liebe, und Hass und das alles
nicht wie in den existierenden Geschichten
sondern dass wir mitfühlen
und das Atmen vergessen,
und wir glücklich sind
und erfüllt von der Geschichte,
weil wir nie solches gehört.

Zuerst veröffentlicht am 02.08.2011 um 09:17

Into the Wild I

Komm wir trinken „Whiskey in the jar“
und bewegen unsere Köpfe dazu.
Komm wir hören schnelle Lieder
und schwingen unsere Körper im Takt.
Komm wir trinken gemeinsam Tequila
und geben unser Geheimstes preis.

Komm wir legen unsere Körper aufeinander
und schauen was passiert,
wenn wir aufeinander reagieren.
Komm wir leben unsere Leben gemeinsam
denn allein habe ich Angst,
dann lieber sage ich:
Komm wir haben nur diese Begegnung
und jeder bleibt allein,
bis er stirbt.

Lukrezia Herz

Zuerst veröffentlicht am 13.05.2011 um 16:11

„Indien und seine tausend Gesichter“ von Tor Favorik